Umfrage: Digitale Lehre verlangt viel mehr Vorbereitung

IDLL-Umfrage zur Semestermitte / Lehrende heben hohen Arbeitsaufwand hervor / Rückmeldung durch Studierende gemischt

Welche Tools haben sich als hilfreich erwiesen, welche nicht? Wie ist für Lehrende der Zeitaufwand bei Distanzlehre im Vergleich zur Präsenzlehre? Wie sieht es mit der Rückmeldung durch die Studierenden aus? Das Institut für digitales Lehren und Lernen der HTWK Leipzig hat nach sieben Wochen digitalem Semester Lehrende unserer Hochschule befragt. 66 Personen haben die Umfrage vollständig beantwortet. Nach der ersten Umfrage im April 2020 liefert diese Befragung zur Semestermitte ein zweites Blitzlicht zur Situation der Lehre an der HTWK Leipzig.

Zoom führt

Mitten im Semester beschloss das Deutsche Forschungs-Netz (DFN), die Zusammenarbeit mit Adobe Connect zu beenden. Zuvor hatte die virtuelle Lernplattform unter dem Ansturm im digitalen Semester arg geschwächelt. Wenig überraschend kommt sie nun bei den Lehrenden schlecht weg. Positiv bewertet werden Zoom, BigBlueButton, Skype und Jitsi.

Das IDLL hatte systematisch diejenigen Tools zur Auswahl gestellt, die auch in einer Befragung von Studierenden abgefragt werden, die durch die HTWK geplant ist. In einem Freifeld konnten Lehrende jedoch angeben, welche Tools sie sonst noch einsetzen. Hier wurde etwa Discord genannt, oft in Kombination mit OPAL, aber auch OBS, und weitere Tools für die asynchrone Lehre wie Camtasia.

Zeitaufwand deutlich höher

Einig sind sich die Lehrenden darin, dass der Zeitaufwand sehr viel höher ist als bei der Präsenzlehre. Niemand hat angegeben, dass der Zeitaufwand geringer sei. Hingegen schätzen mehr als zwei Drittel aller Lehrenden den Zeitaufwand mindestens doppelt so hoch oder noch höher ein.

Ein Kollege macht uns auf die Unschärfe der abgefragten Information aufmerksam: Der Zeitaufwand hänge vom Mix ab. Es sei ein Unterschied, ob jemand Synchronlehre mit einem Konferenztool halte oder echte E-Learning-Inhalte aufbereite. „Digitale Lehre“ könne für beide Formen einzeln wie auch für Formenmixe stehen. Er schreibt: „Es wäre ärgerlich, wenn aufgrund der Unschärfe die falschen Schlüsse zu den Aufwänden gezogen würden.“ Dem können wir nur zustimmen.

Rückmeldung durch Studierende: differenziert

Die offene Frage nach dem Feedback durch die Studierenden haben die Befragten teilweise sehr differenziert beantwortet. Wertet man die Tonalität der Antworten in einem fünfstufigen Kategorienschema aus, so ergibt sich, dass mehr als ein Drittel die Rückmeldungen der Studierenden als positiv ansieht – zumindest ganz ähnlich wie bei den Rückmeldungen in der Präsenzlehre.

Teilweise überwiegen in der Einschätzung die Vorteile: „Bislang positive Rückmeldungen. Besonders hervorgehoben wird: Ich kann zurückspulen und es mir nochmal anschauen. Ich kann mir die Vorlesung ansehen, wann ich will.“ „Bei Synchron-Lehrveranstaltungen: An den Seminaren nehmen die Studierenden regelmäßiger und intensiver teil als in Präsenz-Semestern. In den Vorlesungen ist es eher so wie sonst ...“ Oder auch kurz „Mehrheitlich positiv“.

Ein Viertel der Befragten sorgt sich vor allem um die Stillen unter den Studierenden, die sich eben nicht zu Wort melden, und fürchtet, dass sie in der digitalen Lehre untergehen könnten. Auch von den Nicht-Muttersprachlern komme die Rückmeldung, dass der Zeitaufwand für sie sehr viel höher sei.

Dabei gehen die Erfahrungen stark auseinander: „Kaum Feedback, keine Resonanz“, schreibt jemand, eine andere Person: „(…) die meisten Studierenden antworten nicht auf Fragen.“ Ein Fazit lautet: „Insgesamt eine frustrierende Erfahrung, das Dialogische, Verbindliche und Soziale fehlt weitgehend, und ich hoffe, dass dieser didaktisch und menschlich unbefriedigende Zustand bald endet!“ Oder ganz kurz: „Es ist eigentlich grausam.“

Feedback einholen

Aus den Antworten lassen sich indirekt unterschiedliche Lehrmethoden ablesen. Wer auf synchron nutzbare Plattformen setzt, bekommt direktes Feedback bzw. merkt auch, wenn das Feedback durch die Studierenden ausbleibt. Bei asynchronen Lehrformaten erfolgt die Rückmeldungen durch die Studierenden nicht automatisch. Als Hilfsmittel habe sich, so eine Aussage, der Textchat als Kommunikationskanal bewährt, er werde sogar mehr genutzt als das Sprechen über Mikrofon. Auch Umfragen mit geeigneten Tools sind eine Möglichkeit, Feedback von den Studierenden einzuholen. Ein weiteres Ergebnis: Wenn bereits Kontakt zu den Studierenden besteht, funktioniert die gemeinsame Arbeit im Seminar besser als mit lauter „neuen Gesichtern“.

Noch lässt sich der Verlauf nicht abschließend beurteilen: „Wenig Feedback der Studierenden, wenn, dann positiv. Ich habe das Gefühl, viele schieben einen Berg an digitalem Lehrstoff vor sich her (bis kurz vor den Prüfungen). Dann erst wird sich sagen lassen, ob wir erfolgreich waren in der Vermittlung.“

Von Seiten des Qualitätsmanagements der HTWK wird derzeit eine Umfrage unter Studierenden vorbereitet, die deren Situation in den Fokus rückt. Das IDLL plant im Juli abschließend eine dritte Befragung der Lehrenden, bei der wieder die Lehrenden und das Thema Lehre im Mittelpunkt stehen.